Der “Herr Professorin”-Mythos

Dank @annalist btw. @kilaulena bekam ich gerade folgenden Artikel in meine Twitter-Timeline gespült: Vergewaltigung ist eine Waffe.

Und bis zum letzten Abschnitt habe ich auch nichts großartig zu kommentieren. Ohne Zweifel ein wichtiges Thema, das angegangen werden muss. Das sieht der Autor ja auch so und ich möchte gar nicht davon ablenken. Doch endet der Artikel hiermit:

Auf jeden Fall haben sie das Thema prominent auf die Tagesordnung gesetzt. Dies hat entschieden mehr Sinn als der blödsinnige Feminismus, der die Universität Leipzig auf die Schnapsidee gebracht hat, die deutsche Sprache verhunzend und jede Logik verhöhnend, den “Herrn Professor” fortan als “Herr Professorin” anzureden und anzuschreiben.

Wow. Mal abgesehen von der grundsätzlichen Frage, was sowas am Ende des Artikels noch zu suchen hat (also außer relativ dummer “Feminismus ist total blöd und kümmert sich gar nicht um die wirklichen Probleme!11eins”-Rhetorik), taucht hier zum ersten Mal seit längerer Zeit mal wieder der Mythos “Herr Professorin” auf, ungefähr 1 Jahr nach dessen Entstehung.

Die meisten werden sich sicherlich daran erinneren, dass die Universität Leipzig damals irgendwas mit Sprache, generischem Femininum und Feminismus gemacht hat. Konkret: in der Grundordnung der Universität (und meines Wissens nach nur dort) wurde vom generischen Maskulinum 1 auf das generische Femininum gewechselt. Dies bedeutet nicht viel mehr, als dass sowohl bei Personen unbekannten Geschlechts als auch bei Gruppen mit sowohl weiblichen als auch männlichen Teilnehmern eben die feminine Form statt der maskulinen verwendet wird. Das Ziel war die Verbesserung des Leseflusses, da es bei der vorigen Schreibweise mit Schrägstrichen Beschwerden gab.

Nichts Weltbewegendes, sollte man meinen. Dem war allerdings nicht so. Irgendwie entstand aus einem ersten Artikel bei Spiegel Online der Mythos, dass an der Universität Leipzig nun (männliche) Professoren mit “Herr Professorin” angeredet werden sollen. Auch (männliche) Studierende sollen davor nicht sicher gewesen sein. Dabei wurde vergessen (oder ignoriert), dass es hier lediglich um einen Satzungstext ging und niemals konkrete Personen mit dem generischen Femininum bezeichnet werden sollten. Ein “Herr Professorin” gibt und gab es de fakto also zu keinem Zeitpunkt.

Quelle: http://www.rtl.de/cms/news/rtl-aktuell/guten-tag-herr-professorin-gender-wahn-an-der-uni-leipzig-2f2a4-51ca-26-1525157.html

Quelle: rtl.de

Dass sich dieser Mythos aber auch heute noch hält liegt wohl an der wiederholt eklatant falschen Berichterstattung, wie sie der Bildblog in den Einträgen Mein Lieber Frau Gesangsverein und Wenn Sprache die Wirklichkeit besiegt (tolle Titel!) damals dokumentiert hat. Und so findet er sich auch ein Jahr später in einem Artikel auf Zeit Online wieder und dient stumpfem Antifeminismus. Von dem Sprachverständnis, das hinter “die deutsche Sprache verhunzend” steckt, fange ich gar nicht erst an. Aber “blödsinnig” und “jede Logik verhöhnend” war hier sicher wer anders.

Abschließend noch ein kleiner Tipp: wie immer, wenn es auch nur ansatzweise um Feminismus geht.. nicht in die Kommentare schauen. Da gibt es ganz viele Leute mit Angst vor “Gender-Wahn”.

  1. Das übrigens höchstwahrscheinlich gar nicht wirklich generisch interpretiert wird. Was ein Thema für einen eigenen Blogpost wäre, wenn das nicht der Sprachlog schon übernommen hätte.

Here be linguistics & politics.

Also vielleicht mal irgendwann, wenn ich das Bedürfnis habe, nicht nur auf Twitter, Facebook o.ä. irgendwelche Dinge zu kommentieren. Bis dahin, allerdings, wird hier nicht viel Content sein. Wenn überhaupt. Ich bin mir auch gar nicht sicher, ob dieser Blog auf Englisch oder Deutsch sein sollte. Oder beides? We’ll see.

Das Foto oben im Blog wurde übrigens in Cluj (Rumänien) am dortigen Bahnhof gemacht.