bad linguistics, AAVE & Kiezdeutsch

Today’s Broken Latin is Tomorrow’s Prestige Romance

In meinem ersten mehr oder weniger echten Beitrag möchte ich einen Subreddit empfehlen, in dem es primär um Linguistik, aber oft auch um politische Themen geht. Auf /r/badlinguistics sammeln UserInnen Quellen, in denen aus linguistischer Sicht fehlerhaft argumentiert wird. Diese Quellen können dabei sowohl von reddit selbst, aber auch von anderen Webseiten, Diskussionen oder (teils kuriosen) Papers stammen. In anderen Worten (und anderer Sprache): The repository for all the worst linguistics-related content of Reddit and the Internet.

Warum nun Politik? Nun, häufig werden Sprachthemen dazu verwendet, rassistische Positionen zu verteidigen oder rechtzufertigen. Ein klassisches Beispiel ist dieser Post, in dem es um Ebonics bzw. African American Vernacular English geht, welches hier von “korrektem” (proper) Englisch unterschieden wird. Eine Position, die aus linguistischer Sicht schlicht falsch ist. Auch die Behauptung, dass AAVE fehlerhaftes Englisch und das Ergebnis von mangelndem Spracherwerb sei ist in diesem Kontext sehr populär. Zu diesem Thema hat Geoffrey Pullum 1999 ein sehr empfehlenswertes und auch als nicht-Linguist gut verständliches Paper geschrieben, das ich nur empfehlen kann. Praktischerweise ist es online für jeden verfügbar. Die Kurzfassung: AAVE ist ein ganz normaler Dialekt mit eigenen Regeln und Regelmäßigkeiten und linguistisch nicht “schlechter” oder “weniger präzise” als Standardenglisch.

Manche mögen sich vielleicht erinnern, dass es auch in Deutschland vor gut 2 Jahren eine ähnliche Diskussion gab, als Heike Wiese ihr Buch “Kiezdeutsch. Ein neuer Dialekt entsteht” veröffentlichte. Für mehr Informationen zu dem Buch verweise  ich auf folgende Buchempfehlung von Kristin Kopf, die sie im großartigen Sprachlog veröffentlich hat. Die Beschreibung von Kiezdeutsch als nicht fehlerhaft, ungenau o.ä. war für viele eine völlig absurde Vorstellung, die Autorin wurde teilweise beleidigt und die komplette Sprachwissenschaft war dann (wenn sie den eigenen, unfundierten Meinungen widersprochen hat) entweder unnötig, irgendwo ganz weit weg in einem imaginärem Elfenbeinturm oder voll von politisch korrekten Gutmenschen. Dass das fundierte wissenschaftliche Erkenntnisse sind? Egal.

“Bad linguistics” ist also etwas, das auch außerhalb des Internets immer mal wieder relevant ist, Beispiele gibt es dabei genug. Geschlechtergerechte Sprache, Fremd- und Lehnwörter, Dialekte mit besonders viel oder wenig Prestige. Solltet ihr also in der freien Wildbahn sehen, dass mit sprachwissenschaftlichen Inhalten argumentiert wird: schaut nach, ob die Leute überhaupt dementsprechende Qualifikationen haben und fragt LinguistInnen, die ihr kennt. Wir freuen uns immer, wenn sich jemand genuin für unser Fachgebiet interessiert. Zumindest dann, wenn nicht nur der eigene Standpunkt bestätigt werden soll.